Einsatz für samenfeste Sorten im Walsegarten im westlichen Thüringen

„Das Thema begeistert auch immer wieder Menschen in meinem Umfeld, so dass ich mich über viel Hilfe aus unserem Dorf und ein sehr engagiertes Team mit leidenschaftlicher Einstellung zu unserer Arbeit freuen kann.“

Im Jahr 2010 entschied sich eine Gruppe von Menschen für den Kauf eines ehemaligen landwirtschaftlichen Betriebes in Vatterode im thüringischen Eichsfeld. Dazu gehörten 16 ha, die vorher konventionell bewirtschaftet wurden und umgehend zunächst auf Bio und dann auf biologisch-dynamischen Anbau umgestellt wurden. Regina Lieb und Raphael Heinze entschieden sich für Schaf- und Ziegenhaltung. Sebastian Vornhecke ist gelernter Landwirt und Gemüse-baumeister und gründete den Walsegarten (damals 6 ha, heute 12 ha) auf den Flächen, die er zusammen mit dem vierten im Bunde, Christian Schlung, zum Erwerbsbetrieb entwickelte.
Sebastian kommt ursprünglich aus dem Ruhrgebiet und war echter Städter, interessierte sich für Politik und Medienarbeit. Sein innerer Drang nach praktischer Arbeit und sinnhaftem Tun führte ihn von Berlin in die Niederlausitz. Er begann eine landwirtschaftliche Lehre auf dem Gut Ogrosen im Spreewald. Nach mehrjähriger Arbeit im Gemüsebau absolvierte er seinen Gemüsebaumeister an der Fachschule für Gartenbau in Dresden-Pillnitz.

Wir haben ihm ein paar Fragen gestellt:

Wie bist du zur Pflanzenzüchtung gekommen? Was sind deine Hauptbeweggründe für den Anbau von samenfesten Sorten?

Mein politischer Anspruch brachte mich zur Pflanzenzucht. Ich bin nicht mit der Anthroposophie aufgewachsenen, aber als ich die Inhalte von Kultursaat e.V. kennenlernte, war ich innerlich sofort dabei. Die politischen Fragen rund um die Pflanzenzüchtung sind mir sehr wichtig. Mir geht es darum, Sorten zu vermehren und zu züchten, die rechtlich und pflanzenbaulich frei sind, und damit auch um den Verzicht auf geistiges Eigentum. Das bedeutet: Jede und jeder sollte unsere Sorten legal vermehren dürfen und dies auch praktisch können, weil sie im Gegensatz zu Hybriden für Nachbau geeignet sind. Meine Leidenschaft für die samenfesten Sorten aus biologisch-dynamischer Züchtung entwickelte sich dann auch über das Tun. Lieber besser machen als besser wissen — das ist ein Satz, der mich schon länger begleitet. Im Rahmen der Fortbildung des Kultursaat e.V. haben wir häufig Gemüseproben gemeinsam verkostet und den Geschmack beschrieben und bildhaft dargestellt. Die Vergleichbarkeit des dabei Wahrgenommenen war für mich verblüffend und zeigte mir noch einmal deutlich, dass unsere Lebensmittel viel mehr mit uns machen, als uns rein über ihre analysierbaren Inhaltsstoffe zu ernähren.

Auf welche Schwierigkeiten triffst du in deiner Arbeit?

Bei unserer Züchtung haben wir den Vorteil, dass die Arbeit gesellschaftlich finanziert wird. Das heißt wir bekommen Projektmittel, die sich aus Spenden- und Fördergeldern zusammensetzen. Das Budget hat sich über 25 Jahre relativ stetig positiv entwickelt, und ich finde es toll, dass ein solches Modell sich zu so einer tragfähigen Alternative in der Gemüsezüchtung entwickeln konnte. Dennoch sind wir chronisch unterfinanziert, wenn man vergleicht, mit welchen finanziellen Mitteln konventionelle Zuchtprogramme vorangetrieben werden. Durch die Corona-Krise ist zwar ein regelrechter Bio-Boom entstanden, aber die steigenden Umsätze der Bio-Branche kamen unserer Arbeit bisher leider nicht zu Gute. Die Spendenbereitschaft ist in dem Bereich sogar zurückgegangen. Tatsache ist, dass wir in der samenfesten Öko-Züchtung im Grunde total low-budget finanziert arbeiten. Wenn wir andere Summen zur Verfügung hätten, könnte umfangreicher und effektiver gezüchtet werden.

Wir wissen, dass du mit zwei unserer Vorlieferanten, Nordseeküstengenuss und Bioland-Betrieb Müller-Oelbke, zusammenarbeitest, wie sieht das
konkret aus?

Beide genannten Betriebe verbindet der relativ großflächige Anbau von Feldgemüse. Christoph Müller hat Erfahrung im Anbau von samenfesten Sorten, wie z.B. Möhren, Rote Bete und verschiedene Kohlarten. Er ist offen für Versuchsanbau und vergleichenden Anbau von samenfestem Gemüse neben Hybridsorten. Aus einem dortigen Versuchsanbau im vergangenen Jahr heraus läuft noch bis in den Mai ein Lagerversuch, in dem wir unsere aktuellen Kopfkohl-Zuchtlinien mit gängigen Hybriden vergleichen.
Mit Nordseeküstengenuss, Susanne und Dirk Schoof, ist die Zusammenarbeit noch intensiver. Wir machen Züchtungsarbeit direkt vor Ort in Dithmarschen. In diesem Jahr bauen Schoofs einen Selektions–bestand von zahlreichen Pflanzen meiner Rotkohl-Zuchtlinien an. Der Bio-Jungpflanzenbetrieb Homann gibt mir die Möglichkeit, die vielen einzelnen Partien selbst zu säen, kultiviert sie dann weiter und liefert sie schließlich zum Anbaupartner in den Norden. Den entsprechenden Mehraufwand bei der Pflanzung der vielen Partien tragen Schoofs seit vielen Jahren geduldig mit. Die Zuchtlinien werden einzeln markiert und im Herbst von mir vor Ort selektiert. Die Ernte der selektierten Samenträger und deren Über–winterung in Großkisten leistet ebenfalls der Betrieb von Familie Schoof als ihre Form der Unterstützung unserer Züchtungsarbeit.
Für mich ist das Züchten in einem laufenden Betrieb etwas völlig anderes als in einem reinen Zuchtgarten. Der direkte Kontakt und Austausch mit den Land–wirten und deren Feedback ist total
viel wert.

Einige Landwirte sagen uns, dass es Gemüse wie Brokkoli gibt, das sich definitiv nicht als samenfest anzubauen eignet, sie kaufen deshalb Hybrid-Pflanzen ein. Wie stehst Du dazu?

Bei den über 100 Gemüsesorten aus biologisch-dynamischer Züchtung ist einiges dabei, was auf Betrieben mit mehrstufigem Absatz durchaus erfolgreich angebaut werden kann. Bei Möhre, Kopfkohl und Rote Bete beispielsweise sollte mit allseits gutem Willen und einem gewissen Preisaufschlag der Anbau samenfester Sorten durchaus praktikabel sein. Dirk Schoof von Nord–seeküstengemüse sagte mir einmal aus Anbauersicht dazu: „Man muss es eben auch wollen.“
Mit meiner züchterischen Arbeit versuche ich in den kommenden Jahren noch die Lücke „Rotkohl für die späte Lagerperiode“ in Zusammenarbeit mit Schoofs und Müller-Oelbkes zu schließen.
Bei anderen Kulturen dauert es sicher noch, aber wir müssen uns auch vergegenwärtigen, dass wir uns alle – Anbauer, Berater, Händler, Verarbeiter, Kundinnen und Kunden — seit vielen Jahrzehnten an Sorten aus Hybridzüchtung als Normalfall gewöhnt haben. Pflanzenzüchtung geht ja nicht im Handumdrehen sondern braucht viele Jahre; da haben wir also noch manches vor uns, und manches werden wir mit samenfesten Sorten wohl nicht erreichen können. Das gilt womöglich auch für die Festigkeit, Haltbarkeit und Ertragssicherheit im sehr speziellen Fall von Brokkoli.

Die Endverbraucher tun sich schwer mit dem Kauf von samenfestem Gemüse, die Qualitäten variieren doch erheblich teilweise. Welche Argumente würdest Du diesen Menschen ans Herz legen?

Es gibt Lebensgrundlagen die einfach nicht privatisiert gehören. Wie zum Beispiel Wasser, Energie — und eben auch Sorten. Wenn es dennoch passiert, geben wir wichtige Grundlagen aus der Hand und unterstützen Monopolstrukturen. Ich finde Sorten müssen frei zugänglich sein.

 

Zur Information:

Kultursaat ist ein gemeinnütziger Verein. Er ging aus dem 1985 begründeten Initiativkreis für Gemüsesaatgut aus biologisch-dynamischem Anbau hervor. Im Jahr 1994 gründeten die Aktiven des Initiativkreises dann den Verein Kultursaat.

Folgende Ziele werden verfolgt:
• Erhaltung bewährter Gemüsesorten
• Entwicklung neuer Gemüsesorten
• Züchtungsforschung
• Veröffentlichung der Sortenentwicklung
• Berufsbegleitende Fortbildung in
der biologisch-dynamischen Züchtung

www.kultursaat.org

 

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